Heimathafen Neukölln zeigt „The Last Conference“: Einladung zur Klimakonferenz im Jahr 2050
Heimathafen Neukölln zeigt „The Last Conference“: Einladung zur Klimakonferenz im Jahr 2050. Dystopisch, aber nicht unrealistisch: Im Heimathafen Neukölln kann das Publikum mit abstimmen bei einer fiktiven Klimakonferenz der Zukunft. Vergesst das Klima! Wir haben größere Probleme. Putin in die Schranken weisen. Die Lebensmittelpreise senken. Dafür sorgen, dass die Faulenzer nicht mehr dem Staat auf der Tasche liegen und das Eigenheim bezahlbar bleibt. So denken viele. Und so handeln sie auch. Ob im Alltag oder in der Politik. Kann man das den Leuten verübeln Die meisten Menschen sind nun mal zu beschäftigt oder zu besorgt, um in den großen Zukunftslinien zu denken. Mit Ausnahme von ein paar Tech-Bros in den USA, die aber auch nicht gerade das planetare Wohl im Sinn haben. Die Konsequenz: werden wir dann sehen. Kriege um Lebensraum und Ressourcen. Im Heimathafen Neukölln ist jetzt das Jahr 2050 angebrochen. Und da rächt es sich leider, dass wir die drohende Klimakatastrophe gedanklich nach hinten sortiert haben. Die Erde hat sich um zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt, diverse Kipppunkte wurden überschritten. Überflutungen, Superstürme, Megadürren und andere Superlativphänomene sind die Folge, der Amazonas hat 30 Prozent Wald verloren und die Arktis 60 Prozent Eis. Sicher, in ein paar wohlhabenden Nationen des globalen Nordens, die rechtzeitig die Energiewende geschafft haben, lässt es sich noch leben – aber nur mit viel Geld. Grüne Megacitys für die Reichen. Slums für den Rest. Entsprechend toben Kriege um Lebensraum und Ressourcen.
Ein dystopisches, aber leider nicht unrealistisches Szenario, das der Theaterabend „The Last Conference“ da entwirft. Vor diesem Hintergrund lädt das neu gegründete „Theater des Wissens“ in der Regie von Krzysztof Minkowski zu einer Klimakonferenz der Vereinten Nation ein, anno 2050 in Berlin. Das Publikum darf dabei die Rollen von hochrangigen politischen Vertreterinnen und Vertretern diverser Länder einnehmen. Die werden per Namensschild plus Infozettel verteilt. Man ist zum Beispiel: Leyla Kazimi, Ministerin für Umwelt und Ressourcen aus Aserbaidschan. Ein vergleichsweise kleines Land, das aber in den vergangenen Jahren 20 terroristische Attacken mit Klima-Bezug erlebt hat. Die ereignen sich längst auf der ganzen Welt. Über drei große Fragen dürfen die zur Konferenz Versammelten im Laufe des Abends abstimmen. Etwa: Sollten wir sofort alle CO₂-Emissionen kappen? Sollten Klima-Vertriebene in verwaisten Gegenden angesiedelt werden – oder in die Länder des Nordens einreisen dürfen?Die Wahl zwischen Pest und Cholera
Spoiler: Es ist jedes Mal eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Denn der am Eingang ausgehändigte Beipackzettel zur „Berlin 2050 Climate Conference“ klärt über die erwartbaren Folgen auf. Der Emissionen-Stopp führt zum Beispiel in den ärmeren Ländern zu verheerenden Hungersnöten mit Millionen Toten. Kommt er nicht, steigt die Erwärmung auf 2,5 Grad. Was ebenfalls Millionen Opfer fordern wird. Tja. Hätten wir es mal nicht so weit kommen lassen.Ein vierköpfiges internationales Ensemble aus Maya Alban-Zapata, Rashidah Aljunied, Oksana Cherkashyna und Marta Malikowska führt souverän durch diese „Last Conference“. Zwischen den Abstimmungen tragen sie poetische Betrachtungen über eine Welt am Abgrund vor. Oder schlüpfen mit Erweckungsprediger-Verve in die Rolle von Firmenchefinnen der Zukunft – die leiten Wassermonopolisten oder Companies, die das Erbgut der Stärksten zum Aufbau einer neuen Zivilisation sammeln.Per Videoeinspieler schalten sich Klimaexperten wie Mojib Latif oder Wolfgang Lucht zu, die noch mal unterstreichen, was die Wissenschaft seit Jahrzehnten predigt: Niemand kann sagen, wir hätten es nicht gewusst. Keine Frage: der Abend ist gut gebaut. Er ist eindringlich. Wird er Klimawandel-Verdränger zum Umdenken bewegen? Können Dystopien überhaupt Veränderungen anstoßen, oder brächten utopische Erzählungen mehr? Auch diese Fragen wirft „The Last Conference“ beim Zusehen und Abstimmen auf. Und das ist etwas Positives. Jedes Nachdenken hält das Thema im Bewusstsein.
(Patrick Wildermann, Tagesspiegel, 12.10.2025)