TLC – Berliner Zeitung

„The Last Conference“ im Heimathafen Neukölln: Wie würden Sie in der Klimakrise entscheiden?

Der Heimathafen Neukölln seziert die Wege in den ökosozialen Untergang. Und lässt die Zuschauer abstimmen – über Flüchtlinge oder die Kontrolle der Medien. Wie geht’s denn eigentlich dem Klima? Man hat die Frage fast aus den Augen verloren unter all den Trümmerhaufen und Bedrohungsszenarien, angesichts der zahlreichen Kriege und des gereizten Machtgebarens dieser Welt. Sogar die einstige Klima-Ikone Greta Thunberg kämpft derzeit lieber für Palästina als gegen die CO₂-Emissionen. Ausgezeichnete Idee des polnischen Regisseurs Krzysztof Minkowski daher, das weggerutschte Klima im Heimathafen Neukölln als Hauptakteur zurück auf die Bühne zu holen, bevor es von selbst dort wieder auftaucht. Dass es das irgendwann tun wird, daran besteht kein Zweifel. Nur mit welcher Zerstörungskraft das dann vor sich gehen wird, ist offen. Ob diese Kraft noch in Bann zu halten sein wird, hängt natürlich ganz von unseren Entscheidungen jetzt und heute ab. Wenn man das Zerren und Zaudern der gegenwärtigen Regierungen allerdings sieht, kann einem schon leicht bange werden. Sehr wahrscheinlich jedenfalls, dass es in einigen Jahren so aussieht, wie die vier Frauen auf der großen Bühne des Heimathafen Neukölln in „The Last Conference“ beschreiben: Es ist das Jahr 2050, die globale Erwärmung hat die Zwei-Grad-Marke überschritten, Dürren und ansteigende Fluten haben Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Doch während der reiche Norden sich noch schnell in teure, grüne Technologie flüchtet, bleibt der arme Süden in billigem, fossilem Alt-Kram stecken.

Klimaflüchtlinge aufnehmen? Oder lieber doch nicht? Die Szenarien sind soweit bekannt, doch wie die vier Spielerinnen dort stehen und in verschiedenen Idiomen dichte, düster-atmosphärische Sprachbilder aneinanderknüpfen, die sie von ihren Lebensorten entfremden, ob Norden, Süden, Osten oder Westen, gehört zu den starken Momenten dieses ansonsten wild zusammengetackerten Hybrid-Theaterabends. Die Entfremdung ist überall gleich stark: Das Licht ist gleißender, die Luft krankmachender. Die Welt brennt. Die Bühne selbst ist dafür übersät mit schwarzen Fetzen, als sei ein Ascheregen bereits über sie hinweg gefegt. Doch dann wechselt die Szenerie schlagartig vom düsteren Vorstellungsraum in eine ausgeleuchtete Klima-Konferenz, die das alles noch irgendwie abwenden will.Die Zuschauer bekommen Namensschildchen und Abstimmungskarten und müssen als Regierungsvertreter selbst abstimmen. So lächerlich das zuerst scheint – im zweiten Moment bekommt das durchaus Sinn, denn setzt sich das aufschiebende Reden und Abstimmen nicht seit Jahren fort, ohne dass ausreichendes Handeln verbindlich würde? Tatsächlich zelebrieren die Konferenz-Schnipsel hier eine nur noch ziemlich zynische Weltlage, die zwischen grüner Moralpolizei und protofaschistischer Propaganda schwankt.

Die Abstimmungsszenarien, die zur Verfügung stehen, wechseln so zwischen Pest und Cholera, denn jede Klimafrage hat sich mittlerweile zur sozialen Kampfpose zugespitzt: Sollte man Klimaflüchtlinge in noch intakte, reiche Länder kommen lassen und damit soziale Umbrüche dort riskieren oder sollte man sie in Gebiete, die nach der Eisschmelze neu erschlossen wurden, ansiedeln? Sollte man Medien kontrollieren und damit antiwissenschaftliche Fake News unterbinden? Überraschend, dass bei letzter Frage eine Mehrheit mit Ja stimmte. Minkowski und sein neu gegründetes „Theater des Wissens“ spitzen fatal, auch gnadenlos populistisch zu, aber legen damit auch einen Finger in die Wunde.

Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung, 12.10.25